In Bezug auf den Vortrag von Egon BECKER hoben mehrere Geographen das von BECKER vorgestellte erste Modell als kennzeichnend für eine mittlerweile, zumindest im Bereich der Humangeographie, überholte Form segmentären Denkens hervor und illustrierten die einem solchen Modell inhärenten Denkfallen. Man dürfe Anthroposphäre nicht mit Gesellschaft gleichsetzen; ebenso sei noch stärker als bisher zu reflektieren, dass „Raum“ offensichtlich immer dann relevant werde, wenn es um die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft gehe (Benno WERLEN; Andreas POTT, Frankfurt/Main). Andreas DASCHKEIT (Kiel) betonte die Rolle der Verknüpfung von Theorie und Methode im Rahmen interdisziplinärer Forschungsprojekte und hob (mit Verweis auf die Entwürfe von Tsunami-Frühwarnsystemen) die Bedeutung von Begriffen wie beispielsweise „adaptive capacity“ hervor. Hier widersprach Antje SCHLOTTMANN (Jena): Die Suche nach Anschluss in der Methodik schien ihr als Schnittstelle und Heilsversprechen integrativer Forschung nicht nur zu wenig, sondern auch hochgradig problematisch. Ein solches Vorgehen führe schnell in nur vermeintlich integrativen Aktionismus, der eine theoretische Basisarbeit rechts überhole und dadurch „leere“ Daten produziere.
Von Seiten der Soziologie wurde nochmals eingehend die Wichtigkeit der Analyse von Unterscheidungspraktiken hervorgehoben und die damit einhergehende Ausformulierung einer Beobachtungstheorie, die sich über die Differenzierung von Beobachtung und Wahrnehmung bewusst sein müsse. Allerdings wurde eingeräumt, dass die Differenzierung von Raumkonzepten in vielen sich mit der Gesellschaft-Umwelt-Problematik beschäftigenden Projekten derzeit noch schwammig, wenn nicht sogar völlig ungeklärt sei (Egon BECKER, Karl-Werner BRAND).
Hinsichtlich des Beitrags von Christoph GÖRG wurde vor allem auf die „scale“-Begrifflichkeiten Bezug genommen und bezweifelt, ob sich mit ihnen eine Möglichkeit ergibt, um soziale Prozesse mit naturräumlichen Bedingungen zu verknüpfen (Andreas POTT, Andreas DASCHKEIT, Benno WERLEN, Christoph GÖRG).
In Reaktion auf die Vorträge von Christoph LAU und Wilhelm VIEHÖVER hob Gerhard SCHURZ nochmals die gegenwärtige Verschiebung der Natursemantik hervor und forderte, die Unterscheidung des Naturbegriffes klarer nach deskriptiven Aspekten und normativen Fragen zu differenzieren. LAU betonte demgegenüber, dass die Analyse der Grenzen von Natur und Gesellschaft und die Analyse der Natursemantik als empirische Fragen zu betrachten seien, die Differenzierung der Grenze gleichwohl eine Fiktion/Konstruktion bleibe, die – worauf Peter WEHLING (Augsburg) verwies – allerdings durch Konsensfindung anerkannt werde.
Judith MIGGELBRINK (Leipzig) verwies auf die Rolle von Raumkonzepten im Rahmen soziologischer Analysen und regte an, zu prüfen, ob etwa durch die massenmediale Kommunikation Themen dann besonders plausibel gemacht werden könnten, wenn sie als räumliche Probleme kommuniziert werden.