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Themenblock 3: Kontingenz versus „Ordnung im Alltagsgeschehen“

METHODISCHE UND KONZEPTIONELLE PROBLEME DER GESELLSCHAFT-UMWELT-FORSCHUNG

Themenblock 3: Kontingenz versus „Ordnung im Alltagsgeschehen“


Den dritten Themenblock „Kontingenz versus ‚Ordnung im Alltagsgeschehen’“ eröffnete Gerhard SCHURZ (Düsseldorf). In seinem Impulsstatement argumentierte er, dass die allgemeine Evolutionstheorie in Form einer Theorie der kulturellen Evolution eine Rahmentheorie für die Humangeographie darstellen könne. Sie ermögliche die Erklärung, warum von subjektiven Entscheidungen und intentionalen Handlungen geprägte Prozesse in Summe zu ungeplanten Ergebnissen führten (z.B. zu geographischen Entitäten wie Landschaften). Als Referenzquelle diente ihm in diesem Zusammenhang R. DAWKINS’ in Analogie zur genetischen Selektion formuliertes Meme-Konzept. Meme sind anthropogene, symbolisch kodierte Wissenseinheiten, die in kulturellen Prozessen wie Gene in biologischen variiert und selektiert werden. Solche Prozesse würden nicht chaotisch und ungeordnet verlaufen, sondern wiesen in der Regel bestimmte Tendenzen auf und seien als nicht intendierte, nicht geplante Vorgänge konzipiert (Beispiele dafür: technische Anwendungen, die mit einer bestimmten Intention erfunden, in Folge aber ganz anders genutzt werden; die Geschichte des Autos: vom Luxusartikel zur Abhängigkeit; Zivilisationsprozesse und gesellschaftliche Desintegrationsvorgänge). Intentionalität lasse sich durch ein evolutionistisches Erklärungsmodell für Handlungen bzw. Handlungskomplexe ergänzen. Nur evolutionäre Selektion mache Objektivitäten, wie „Handlungen ohne Subjekt“, „Konstruktionen ohne Subjekt“ oder die ungeplante Entwicklung sozialer Kommunikation, erklärbar.  

Im nächsten Impulsstatement stellte Peter WEICHHART (Wien) eine der, wie er betonte, „bedeutendsten umweltpsychologischen Theorien“ vor: R. G. BARKERs „Behavior Setting“-Theorie. Mit ihr lasse sich begründen, wie im Alltagsgeschehen die Ordnungsgröße Stabilität „mitproduziert“ werde. Dabei berücksichtige sie den sozialen und materiellen Kontext, in welchem individuelle Handlungsentscheidungen getroffen werden. Die originäre BARKERsche Theorie bedürfe jedoch, um aktuellen sozialwissenschaftlichen Standards zu entsprechen, einer „handlungstheoretischen Umformulierung“. WEICHHART regte daher an, von „Action Settings“ zu sprechen. Kernaussage der Theorie sei, dass Handlungen immer in einem lokalen Rahmen stattfinden, einem Action Setting, das analytisch in drei Komponenten zerlegt werden könne. Es weise mentale, soziale und materielle Aspekte auf, die im realen Alltagsgeschehen in transaktionistischem Zusammenhang untrennbar miteinander verbunden seien. WEICHHART strich heraus, dass dadurch die vom Gros der sozialwissenschaftlichen Theorien vernachlässigte physische Umwelt ebenso berücksichtigt würde wie der Umstand, dass Synchronisation und Synchorisation von Handlungen immer in einem sozialen und zugleich materiellen Kontext stattfinden. In diesem Zusammenhang wurde darauf verwiesen, dass sich bei BARKER auch ein Fachbegriff für die intentionale Schaffung einer Passung von Milieu und bestimmten Handlungsmustern finde (Synomorphie), und präventiv ein potenzielles Missverständnis ausgeräumt: Die „Bühne“ (das Milieu) dürfe nicht mit dem Action Setting an sich verwechselt werden. Als ontologische Struktur existierten Action Settings nur im aktuellen Handlungszusammenhang. Abschließend wurde gezeigt, welche Anschlussmöglichkeiten für die Action Setting-Theorie bestehen: konkret, wie sich das Action Setting-Konzept in ein Gesellschaft-Umwelt-Modell aus dem Bereich der Sozialen Ökologie (IFK, M. FISCHER-KOWALSKI) ergänzend einfügen lasse oder in A. GIDDENS Strukturationstheorie, weil die Produktion der Metastrukturen des sozialen Systems in Action Settings stattfinde. Vor allem die Anbindung an Modelle der Sozialen Ökologie ermögliche besonders gut, ein Gesellschaftsverständnis, das die physisch-materiellen Aspekte inkludiere, theoretisch zu konzipieren.


 

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