Diskussion des dritten Themenblocks

In der Diskussion wurde in Hinblick auf den Beitrag von Gerhard SCHURZ angemerkt, dass ein evolutionärer Ansatz Entwicklungslinien nur ex post erkennen lasse (Egon BECKER, Karl-Heinz SIMON). Egon BECKER verwies auf eine mögliche Unvereinbarkeit der Evolutionstheorie und der Handlungstheorie, weil die eine nur Aussagen über Populationen treffen könne, während die andere das Individuum und seine Intentionen in den Vordergrund stelle. Christoph LAU gab zu bedenken, dass in der Organisationssoziologie zwar schon mit Populationskonzepten gearbeitet worden ist, die Frage der Abgrenzbarkeit aber als problematisch eingeschätzt werden müsste, da solche Populationsabgrenzungen oft nur schwer operationalisierbar erscheinen und in der Regel zudem relativ beliebig sind. Gerhard SCHURZ stimmte zwar zu, dass die Abgrenzung von Populationen schwierig sei, jedoch könne man sich auf verschiedene Gegenstände der Selektion konzentrieren. Es könne zum Beispiel die biologische Unterscheidung von Reprotypen und Phänotypen metaphorisch auch auf den kulturellen Bereich übertragen werden: das eine wären die Ideen in den Köpfen der Menschen, die Phänotypen Produkte und die ihnen zugeordneten Nutzungspraktiken. Die kulturelle und biologische Interaktion und die verschiedenen Formen der Evolution seien untrennbar aneinander gekoppelte Prozesse. Der von ihm gewählte Zugang sei dabei nicht nur als eine Naturalisierung der Gesellschaftswissenschaften interpretierbar, sondern vice versa komme er auch einer Sozialisierung der Naturwissenschaft gleich. Des Weiteren widersprach er der Aussage, dass Entwicklungen nur ex post erkennbar seien. Tendenzen seien abschätzbar und es gebe prinzipiell die Möglichkeit, evolutionäre Prognosen anzustellen. Er betonte noch einmal, dass der Rückgriff auf evolutionäre Erklärungen eine Erweiterung der Handlungstheorie darstelle, weil sie eine Erklärung der iterativen Stabilisierung kollektiver Handlungsstrukturen über viele Generationen hinweg ermögliche. Dass die Handlungstheorie und Evolutionstheorie kompatibel seien, wurde auch in zwei Stellungnahmen von Wolfgang ZIERHOFER und Benno WERLEN hervorgehoben.