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Workshop 1: Theoriehorizonte

NEUE KULTURGEOGRAPHIE IN DEUTSCHLAND

Workshop 1: Theoriehorizonte

 

Der von  Ute WARDENGA (Leipzig) moderierte Workshop "Theoriehorizonte" umfasste acht Referate, die zu drei Sinneinheiten zusammengefasst wurden. In der ersten Sinneinheit ging es mit Beiträgen von Wolfgang ASCHAUER (Chemnitz), Frank MEYER (Bayreuth) und Andreas DIX (Bonn) um den Versuch einer näheren theoretischen Bestimmung des Forschungsfeldes der Neuen Kulturgeographie.
Wolfgang ASCHAUER wies nachdrücklich darauf hin, dass der Begriff der Kultur nicht unabhängig von der Kulturtheorie zu bestimmen sei und plädierte dafür, den Begriff zunächst auf Individuen zu beziehen. Da man jedoch nicht aus der Gleichheit kultureller Merkmale unmittelbar auf das Zusammengehörigkeitsgefühl schließen und dies verräumlichen könne, bestehe ein erhebliches theoretisches Problem. Wesentlich besser und auch theoretisch fundierter analysierbar als ganze (räumlich fixierte) Kulturen seien deshalb kulturelle Bilder sowie Argumentationen, die den Begriff der Kultur verwendeten. ASCHAUER betonte, dass zeitgemäße Kulturgeographie daher nicht mehr auf dem Herderschen Paradigma räumlich abgegrenzter Gesellschaften basiert werden könne, sondern in Verbindung mit der Gesellschaftstheorie unter räumlichem Aspekt als Form der Sozialgeographie ausgelegt werden müsse. Hierzu stehe jedoch eine angemessene theoretische Fundierung derzeit noch aus.
Auch Frank MEYER wies darauf hin, dass im deutschen Sprachraum derzeit eine konzeptionell klar umrissene Kulturgeographie fehle. Sofern man unter Kulturgeographie nicht bloß konstruktivistische Ansätze, Dekonstruktionen und ein beliebiges Spektrum postmoderner Theorien assoziieren wolle, müsse der Kulturbegriff näher konkretisiert und die Stellung der Kulturgeographie im Rahmen der Humangeographie eindeutiger festgelegt werden. MEYER schlug vor, die Kulturgeographie nicht als übergreifenden Teilbereich zu konstitutieren, sondern sie als eine unter anderen Subdisziplinen der Humangeographie zu fassen, da der Kulturbegriff - wie er anhand seiner empirischen Forschungen über Ceuta und Melilla zeigte - allein nicht ausreiche, um z.B. das konfliktreiche Zusammenleben von Christen und Muslimen hinreichend in seiner Komplexität zu erfassen.
Andreas DIX stellte fest, dass in der augenblicklichen Phase der Kulturgeographie eine Marginalisierung der historischen Erkenntnisperspektive festzustellen sei. Er führte dies darauf zurück, dass der gegenwärtige Prozess als eine Kanonisierungsphase betrachtet werden könne, in deren Ergebnis die ältere Kulturgeographie mit ihren übermächtigen historischen Ansätzen die Funktion einer negativen Folie zugewiesen werde. In dem Bestreben, sich möglichst weit von dieser nun als problematisch betrachteten Form von Kulturgeographie zu distanzieren, spielten in der geographischen Rezeption kulturwissenschaftlicher Theorien die Zeitlichkeit und die historische Dimension eine nur geringe Rolle. Gleichzeitig sei jedoch zu beobachten, dass es in den Kulturwissenschaften und besonders in der Geschichtswissenschaft derzeit einen spatial turn gebe, der oft spannendere Geographien erzeuge als die moderne Kulturgeographie selbst. Er plädierte deshalb eindringlich dafür, die historische Erkenntnisperspektive und die zeitliche Dimension zukünftig nicht ganz außer Acht zu lassen und den Kontinuitäts- und Bruchlinien sowie den zeitlichen Beschleunigungs- und Verlangsamungsprozessen wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

 


 

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