Seit der Institutionalisierung der Geographie an Hochschulen wird das disziplinäre Selbstverständnis der Geographie von der Vorstellung geprägt, dass das Fach sowohl kultur- wie naturwissenschaftliche Fragestellungen umfasse und mit der integrativen Behandlung von Mensch und Natur mittels raumbezogener Analysen wichtige Funktionen in einer sich rasch modernisierenden Gesellschaft erfülle. Die naturwissenschaftlich ausgerichtete Physische Geographie und die kultur- und sozialwissenschaftlich ausgerichtete Humangeographie sprechen jedoch mittlerweile kaum mehr eine gemeinsame Sprache. Es fehlt weithin sowohl an theoretisch-methodologischen als auch an empirischen Ansätzen, die den integrativen Aspekt des Faches auf zeitgemäße Weise neu formulieren.
Gleichzeitig haben so genannte Schnittstellenprobleme Konjunktur in der öffentlichen Diskussion wie auch in der Generierung von (bevorzugt großen!) Forschungsprojekten. Begriffe wie Naturkatastrophen, Umweltflüchtlinge, Ressourcenverknappung u. a. implizieren Zusammenhänge, die nach einer integrativen Herangehensweise verlangen.
Auf Anregung seines Wissenschaftlichen Beirats hat das IfL seit Mai 2004 ein Netzwerkprojekt mit dem Ziel initiiert, das Gespräch zwischen Physischen Geographen und Humangeographen zu intensivieren und die kommunikativen wie organisatorischen Voraussetzungen für gemeinsame Forschungsprojekte zu schaffen.
Ergebnisse: Mit finanzieller Unterstützung der DFG wurde im November 2004 ein DFG-Rundgespräch mit dem Ziel organisiert, bestehende Kommunikationsbarrieren zu analysieren, die vorhandenen Ansätze für Forschungen im Überschneidungsbereich von Physischer und Humangeographie kritisch zu prüfen und die Möglichkeiten des Aufbaus einer „dritten Säule“ in der Geographie zu diskutieren. Die Ergebnisse dieses Rundgesprächs liegen in der IfL-Reihe „forum ifl“ gedruckt vor; im Rahmen des 55. Deutschen Geographentages wurden sie einer breiteren Fachöffentlichkeit vorgestellt.
Aus dem Bonner DFG-Rundgespräch resultierte eine weitere Tagung Anfang Juli 2005 in Wien (Organisation: Peter Weichhart, Wien und Ute Wardenga, IfL). Aufgabe dieser Tagung war es, die Möglichkeiten einer theoretischen Begründung von integrativen Projekten auszuloten und mit den sozialökologischen Interaktionsmodellen und der Familie der Systemtheorien zwei mögliche Kandidatinnen für die neu zu untersuchenden Hintergrundtheorien im Bereich der Gesellschaft-Umwelt-Forschung genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse werden Anfang 2007 in den „Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft“ gedruckt vorliegen; zwischenzeitlich ist der Stand der Diskussion durch ein ausführliches Tagungsprotokoll dokumentiert.
Aufgabe eines weiteren DFG-Rundgesprächs im Februar 2006 war es, das Paradigma der neueren handlungstheoretischen Sozialgeographie auf seine Potenziale für die Gesellschaft-Umwelt-Forschung zu prüfen. Die interdisziplinäre Veranstaltung ging der Kernfrage nach, wie die handlungstheoretische Sozialgeographie umgebaut werden müsste, um bei der Darstellung von Handlungssystemen auch nichtmenschliche Wirkfaktoren berücksichtigen zu können ( Tagungsprotokoll).
Im Ergebnis der Wiener Tagung wurde ein für alle Geographen offener Gesprächskreis gegründet, dessen Management das IfL übernommen hat. Dessen Aufgabe soll sein, interessierte Physische Geographen und Humangeographen miteinander wieder ins vertiefte Gespräch zu bringen, um so sukzessive die Grundlagen für theoretisch fundierte, gemeinsame empirische Forschungsprojekte zu schaffen. Im Rahmen des Gesprächskreises wurde im Juli 2006 im IfL eine erste Tagung organisiert, die sich vor allem mit dem Landschaftsbegriff als einer Bezugsgröße für integrative Projekte in der Geographie kritisch auseinandersetzte. Weitere Tagungen und Workshops sind im Juni 2007 sowie, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Landeskunde, im Oktober 2007 in Wien geplant.
Publikationen: Müller-Mahn, Detlef / Wardenga, Ute (Hrsg.) (2005): Möglichkeiten und Grenzen integrativer Forschungsansätze in Physischer Geographie und Humangeographie. Leipzig: Leibniz-Institut für Länderkunde, 136 S. (forum ifl; 2).
Projektleitung: Ute Wardenga
Kooperation: Prof. Dr. Peter Weichhart (Universität Wien), Prof. Dr. Richard Dikau (Universität Bonn), Prof. Dr. Detlef Müller-Mahn (Universität Bayreuth), Prof. Dr. Beate Ratter (Universität Mainz), Prof. Dr. Harald Zepp (Universität Bochum)
Laufzeit: Mai 2004 bis Dezember 2007
Projektförderung: DFG
Weitere Informationen:
Ute Wardenga Tel.: +49 (0)341 255-6510


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