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ANNEGRET HAASE Südostpolen zwischen Umbruch und Neuorientierung Spezifika, Perspektiven und Risiken der gesellschaftlichen Entwicklung nach 1990 Leipzig 2002. 240 S. (Beiträge zur Regionalen Geographie; 56)
Der politische Umbruch führte in Polen und seinen Regionen zu einem tiefgreifenden Wandel gesellschaftlicher Lebensgrundlagen und Wertorientierungen. In der Folge befinden sich besonders die Gebiete an seiner östlichen Grenze heute in einem Spannungsfeld zwischen jahrzehntelanger Peripherie und einer neuen Brückenfunktion zwischen Ost und West im Zuge der zunehmenden Durchlässigkeit der Grenzen, womit vielfältige Chancen und Risiken für ihre zukünftige Entwicklung verbunden sind. Die vorliegende Arbeit widmet sich vor diesem Hintergrund der Untersuchung des aktuellen gesellschaftlichen Wandels in Südostpolen. Erforscht werden Fragen der Erwerbskrise, der Entwicklung von Mobilität und Migration sowie der polnischukrainischen Beziehungen. Anhand der Analyse dieser Schwerpunkte wird erörtert, wie sich der gesellschaftliche Umbruch nach dem Zusammenbruch des Sozialismus vollzieht, auf welche Weise die spezifischen regionalen Strukturen Verlauf und Ausprägungen der Umbruchprozesse beeinflussen und worin in diesem Rahmen wichtige Perspektiven und Risiken für die zukünftige Entwicklung bestehen.
Die Transformation brachte zum einen die Enttabuisierung der historischen polnischukrainischen Antagonismen, zum anderen wurden ungelöste Konflikte durch die neue Öffentlichkeit reaktualisiert. Ein Blick auf die im Rahmen der Untersuchung erörterten Probleme – Eigentumsstreit, der Konflikt um die Karmeliterkirche in Przemysl, das Verhältnis zwischen Ukrainern und Lemken sowie zwischen den Kirchen, die Beurteilung der UPA und der „Aktion Weichsel“ – zeigt auf, dass die Liberalisierung des zwischenethnischen Verhältnisses die aktuellen Konflikte auch insofern „belebt“, als dass ein gewisser Spielraum für extreme Meinungen und nationalistischen Aktionismus besteht, der von beiden Seiten genutzt wird. Dennoch erscheint diese nicht konfliktfreie Phase der Auseinandersetzung mit den Belastungen der Vergangenheit vor dem Hintergrund der politischen Transformation unvermeidlich für das zukünftige Miteinander von Polen und Ukrainern auf dem Weg vom Tabu zur Normalität. Die polnischukrainische Koexistenz im Grenzraum Südostpolen ist heute gleichzeitig Ursache von alten und neuen Konflikten, Schlüssel zur Lösung historischer Probleme und Eckpfeiler einer stabilen Nachbarschaftsentwicklung.
Aus theoretisch-methodischer Perspektive lassen die Untersuchungsergebnisse erkennen, dass es sich bei den Umwälzungen im Osten Europas im Allgemeinen und in Südostpolen im Besonderen um einen koinzidenten Prozess von Zusammenbruch und Übergang handelt, in dessen Folge sich neue Muster gesellschaftlicher Daseinsweisen und Orientierungen bilden. Der Verlauf des Umbruchs wird durch Wechselbeziehungen zwischen dem Überkommenen und den Auswirkungen des Wandels getragen und geprägt, die widerspiegeln, wie denn die aktuelle Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen mit historischen Kontexten und deren Territorialisierung, kulturellen Prädispositionen und deren materiellen und symbolischen Ausprägungen zusammenhängt.
Die erläuterten Kontexte des Umbruchs – die Position Südostpolens im nationalen Umbruchprozess, seine Grenzlage und die Nachwirkungen seiner historischen Entwicklung an der Schnittstelle ost- und westeuropäischer Interessensphären – bilden eine wichtige Grundlage für das Verständnis des aktuellen Wandels und erleichtern die Formulierung prognostischer Aussagen.


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