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Institutionelle Geographie auf dem Weg in die wissenschaftspolitische Systemspaltung

BEITRÄGE ZUR REGIONALEN GEOGRAPHIE



BRUNO SCHELHAAS
Institutionelle Geographie auf dem Weg in die wissenschaftspolitische Systemspaltung: Die Geographische Gesellschaft der DDR bis zur III. Hochschul- und Akademiereform 1968/69
Leipzig 2004. 244 S.
(Beiträge zur Regionalen Geographie; 60)
ISBN 3-86082-050-8

Im Zentrum der wissenschaftshistorischen und quellengestützten Abhandlung steht die Geschichte der Geographischen Gesellschaft der DDR von ihrer Gründung bis zur III. Hochschul- und Akademiereform 1968/69. Der Aufbau der Arbeit folgt der Chronologie der Ereignisgeschichte, teilweise waren jedoch zeitliche Vor- und Rückgriffe unumgänglich. Besonders drei, z.T. gegenläufige Fragenkomplexe kristallisierten sich während des Forschungsprozesses heraus:

Erstens wurde das Spannungsverhältnis zwischen Kontinuität und "antifaschistisch-demokratischem Neuaufbau" der Geographie in der SBZ/DDR beleuchtet und nach der Institutionalisierung der "bürgerlichen" Geographen der Gründergeneration gefragt. Zweitens stellte sich die Frage nach der Durchsetzung einer eigenständigen DDR-Geographie innerhalb der Geographischen Gesellschaft als nationale Fachgesellschaft im sozialistischen Wissenschaftsapparat der DDR, und drittens wurde nach der ideologischen Propaganda einer sozialistischen Geographie und systembedingten Feindideologie gegenüber der Bundesrepublik gefragt.

Unmittelbar nach Ende des II. Weltkrieges bemühten sich die deutschen Geographen, den institutionellen Wiederaufbau der Geographie zu organisieren. Die Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone verlief dabei anders als in den westlichen Zonen. Nach Durchsetzung der II. Hochschulreform in der DDR wurde Anfang der 1950er Jahre das Wissenschaftssystem nachhaltig nach politischen Vorgaben umgestaltet - mit Auswirkungen auch für die Geographie. Die "bürgerlichen" Geographen dominierten jedoch neben einer kleinen Gruppe von sozialistischen Kadern. Kurz darauf wurde die Geographische Gesellschaft in der DDR gegründet. Unter dem Vorsitz von Ernst Neef waren in der Aufbauphase die lokalen Ortssektionen die Träger der wissenschaftlichen und populären Verbandsarbeit. Im Mittelpunkt standen hier zunächst länderkundliche Vorträge und Exkursionen. Die Kontinuitäten zur Vorkriegsentwicklung und die Parallelen zur Geographie in der Bundesrepublik waren unverkennbar. Erst mit der Gründung von Fachsektionen Ende der 1950er Jahre wurde unter der Führung von Johannes F. Gellert eine Professionalisierung hin zu einer nationalen Fachgesellschaft eingeleitet.

Ein Kernelement der Nachkriegsgeographiegeschichte sind die komplexen deutsch-deutschen Beziehungen unter den Geographen. Der Deutsche Geographentag, die Schulgeographentage, die gesamtdeutschen Schulgeographischen Arbeitstagungen sowie die Hauptversammlungen und Veranstaltungen der Orts- und Fachsektionen der Geographischen Gesellschaft boten oftmals Gelegenheit eines spezifischen Austauschs über die innerdeutsche Grenze hinweg. Nach dem Mauerbau waren diese Kontakte erschwert, die Beziehungsgeschichte riss aber erst 1965 endgültig ab.

Die Etablierung der Geographischen Gesellschaft der DDR wurde begleitet von der SED-Politik und der internationalen Blockpolitik des "Kalten Krieges". Mit der Anerkennung der DDR als Mitglied innerhalb der Internationalen Geographischen Union wurde 1960 die wissenschaftspolitische Systemspaltung untermauert. Die Durchsetzung der III. Hochschul- und Akademiereform der DDR bestätigte Ende der 1960er Jahre schließlich diese Entwicklung. Unter dem Dach der Akademie der Wissenschaften war die Geographische Gesellschaft nun eingebunden in das sozialistische Wissenschaftssystem, auf das engste gekoppelt an die Vorgaben der SED, hatte aber zugleich unverzichtbare Funktionen für den inneren Zusammenhalt der DDR-Geographie.

 


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