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Visualisierung des Raumes II „Karten machen – Macht der Karten“, 22.–24.06.2006 (Leipzig)

PROTOKOLLE, BERICHTE, ERGEBNISSE

Tagung vom 22. bis 24. Juni 2006 am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL)

Zielsetzung der Tagung war es, die kritische Auseinandersetzung mit der „Macht der Karten“ mit der Diskussion über die neuen technischen Möglichkeiten des „Kartenmachens“ zusammenzuführen. Mehr als 80 WissenschaftlerInnen aus Geographie, Kartographie, Geschichte, Kunstgeschichte und Medienwissenschaften haben das Forum in Leipzig für den interdisziplinären Austausch rund um Karten und kartenähnliche Darstellungen genutzt.

Gleichzeitig dokumentierte die Tagung auch den Abschluss des zwölfbändigen „Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland“, der seit 1998 unter Federführung des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig konzipiert und erstellt wurde. Entsprechend feierlich gestaltete sich der Auftakt der Tagung am Donnerstagabend im Zeitgeschichtlichen Forum (Haus der Geschichte) in der Leipziger Innenstadt.

Nach einem einführenden Grußwort von Barbara Ludwig (Ministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaats Sachsen) wies Engelbert Lütke Daldrup (Staatssekretär des BMVBS) auf die wachsende Bedeutung der Karte und weiterer Visualisierungen für die laufende Raumbeobachtung des Bundesministeriums für Verkehr, Bauwesen und Städtebau hin. Sebastian Lentz (Direktor des IfL) gab einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland und würdigte dabei die Rolle seines Vorgängers, Prof. Dr. Alois Mayr für den Anschub des Projektes. Er machte abschließend deutlich, dass ein Nationalatlas eine Daueraufgabe sei, die sich das IfL auch weiterhin auf die Fahnen geschrieben habe. Im Abendvortrag arbeitete Prof. Dr. Hans-Dietrich Schulz (HU Berlin) die propagandistische „Kraft der Karte“ in der deutschen Schulgeographie in der Zwischenkriegszeit auf und diskutierte die Rolle der Geographie in den revanchistischen und expansiven Ideologien der 1910er bis 1930er Jahre.

Sechs unterschiedliche Panels bildeten am Freitag und Samstag in den Räumen des Instituts für Länderkunde den Hauptteil der Tagung:

Das erste Panel setzte sich vornehmlich mit der Bedeutung von Karten in verschiedenen Phasen der Geschichte vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit auseinander. Verschieden Beispiele zeigten, inwiefern Karten als Ausdruck aber auch als Element gesellschaftlicher Prozesse gelesen werden können – sei es eine frühneuzeitliche Karte, die vermeintlich „nur“ eine katastrophale Flut in Norddeutschland darstellt und dabei aber gleichzeitig die überkommene Interpretation der Naturkatastrophe als Strafe Gottes in Frage stellt, oder die Karten der bundesdeutschen Zentrale für Tourismus, die in den 1950er, 60er und 70er Jahren kartographisch den Spagat zwischen dem innenpolitisch gewollten Festhalten an der Darstellung der Grenzen von 1937 und der im Ausland akzeptierten Darstellung der Bundesrepublik leisten musste.

Im zweiten Panel befassten sich Kartographen und Visualisierungsspezialisten mit der Repräsentation und Visualisierung von Welt. Im Mittelpunkt stand eine kartographisch-konzeptionelle Auseinandersetzung, die von einem Rückblick auf bisherige kartographische Konzeptionen bis hin zu neusten Visualisierungstechniken reichte und sich auch mit der semiotischen und kommunikativen Dimension von Karten befasste.

Im dritten Panel wurden die Interaktion von Visualisierung mittels Geoinformation und besonders die Möglichkeit der Darstellung historischer Zusammenhänge und Prozesse angesprochen. Daneben wurden didaktische Aspekte und mögliche Interaktionen zwischen Nutzer und digitalen Kartenmedien im Zusammenhang mit Online-Informationssystemen erörtert.

Im vierten Panel stellten die Referenten neue Visualisierungstechniken und deren Potenziale vor, die neben Geosimulationen, Online-Systemen und Computerspielen auch reale dreidimensionale Modelle umfassten.

Das fünfte Panel stand ganz im Zeichen von Karten und Visualisierungen innerhalb von Planungsprozessen. Referenten und Teilnehmer diskutierten hier die zunehmende Bedeutung von Karten bei der Vermittlung von Planungsvorhaben, aber auch Wandel und Selbstverständnis der Kartographie.

Die Macht der Karten in den Medien war das zentrale Thema im sechsten Panel. Hier ging es nicht nur um die zunehmende Konvergenz von Karten- und Medienangeboten, sondern insbesondere auch um eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit dem „Karten machen“ aus einer im weitesten Sinne konstruktivistischen Perspektive: Letztlich ist jede kartographische Darstellung eine starke – da visuelle – Schließung und eine Fixierung von prinzipiell nie eindeutigen und nie abgeschlossenen Prozessen. Gerade vor diesem Hintergrund plädierten mehrere Referenten für eine hohe Sensibilität hinsichtlich der „Macht der Karten“ beim Kartenmachen.

Auf der Tagung wurden technische und anwendungsnahe Diskussionen mit theoretisch-konzeptionellen Ansätzen in Beziehung gebracht und zwischen den einzelnen Disziplinen intensiv diskutiert. Eine durch den Cultural Turn geprägte Geographie fand hier zahlreiche Anknüpfungspunkte an den Spatial Turn in den Geisteswissenschaften, aber auch an eine stärker anwendungsorientierte Kartographie und Geoinformatik. Darüber hinaus wurden insbesondere aus den Medienwissenschaften Diskussionen um einen Visual oder Iconic Turn eingebracht, mit dem die persuasive Kraft von Visualisierungen verstärkt ins Blickfeld rückt.

Der interdisziplinäre Austausch rund um das Themenfeld „Karten machen – Macht der Karten“ wurde von den TeilnehmerInnen als äußert anregend empfunden. In der Abschlussdiskussion wurden Themen für eine weitere Kooperation in den Feldern „Karten und Medien“, „Karten und Geoinformation“ sowie die „persuasive Kraft von Karten in Planungsprozessen“ intensiv diskutiert, so dass eine Fortsetzung der Tagungsreihe „Visualisierung des Raumes“ angedacht ist. Die Vorträge sollen in einem Heft der Reihe „forum ifl“ publiziert werden.

S. Lentz und S. Tzschaschel (IfL Leipzig), G. Glasze (Univ. Mainz), W. G. Koch (TU Dresden) und H. Schmid (Univ. Heidelberg)












Von links oben nach rechts unten:

Barbara Ludwig, Ministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaats Sachsen, eröffnet die Tagung -  IfL-Direktor Sebastian Lentz - Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär des BMVBS - Gäste und Redner der Auftaktveranstaltung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig - dto. - Gesprächsforum IfL - Tagungsteilnehmer im IfL - Bücher aus der Geographischen Zentralbibliothek des IfL zum Thema Karten


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